Warum Angst vor Liebe? – Wie es dazu kam, daß das Buch geschrieben wurde.

„WARUM ANGST VOR LIEBE“ prangt in großen roten Buchstaben auf dem Cover dieses Sexualratgebers. Will uns der Ratgeber näher bringen, warum wir Angst vor der Liebe haben sollten, oder will er uns die Ängste nehmen? Der Titel, so wie auf dem Cover notiert, ist fehlleitend. Zumal uns auf beeindruckenden 38 Seiten die „Irrwege der Liebe“ erläutert werden, vor denen man sich fürchten sollte: Sadismus, Masochismus, Fetischismus und Homosexualität- beide Lesearten des Titels wären also möglich.

Doch natürlich ist es als einfühlsame Frage gemeint „Warum Angst vor Liebe? Psychologie und Technik des Liebeslebens“ ist 1950 erschienen. Geschrieben wurde es von Dr. H.F. Elsen, dessen Vornamen wir als Leser des Buchs nicht erfahren.

Das Vorwort ist wirklich lesenswert, denn es rückt den ganzen Ratgeber in ein dramatisches Licht. Beschrieben wird der angebliche Entstehungshintergrund: Der Sachinhalt ist traurig, aber im entsprechenden historischen Kontext sachlich: Der Autor des Ratgebers verstarb im Krieg und sein Cousin entschloss sich, das bis dahin unveröffentlichte Manuskript herauszubringen. Diese Informationen sind bislang glaubwürdig- interessant wird jedoch die Inszenierung, auf die ich etwas näher eingehen möchte. Denn die Darstellung der Entstehungsgeschichte ist dramatisch – die Legitimationsabsichten  aber charakteristisch für Ratgeber der damaligen Zeit.

Das Vorwort beginnt mit dem Tod des Autors, Oberarzt Dr. H.F. Elsen, im Sommer 1944

Es war ein Soldatentod- er starb also für sein Land. Der Kontext, der Krieg, wird nicht in Frage gestellt, obwohl wir wegen der Jahreszahl alle wissen, für was H.F. Elsen gestorben ist. Der Soldatentod ist ein guter Tod. Außerdem erfahren wir, dass er ein Oberarzt war. Kein normaler Arzt, sondern in einer gehobenen Position und somit eine besondere Kompetenzperson. Diese Kompetenz wird im Folgenden durch eine sehr positive Beschreibung untermauert: H.F. war „geistig und körperlich gesund“, „getragen von dem Verantwortungsbewusstsein des Berufes“, „tüchtig, bekannt und beliebt“ (S. 9).

Nachdem seine Besonderheit als Person hervorgehoben wurde, stellt der Erzähler seine enge Beziehung zu dem Autoren heraus: Sie wuchsen als Vetter gemeinsam auf, waren beide in derselben Studentenverbindung während der eine Medizin, der andere Jura studierte, und seien einander immer nahe geblieben. Heirateten sogar Schwestern. Alles, was der Erzähler von sich beschreibt, dient der Untermauerung seiner besonderen Beziehung zum Autor des Ratgebers.

Dann erst gelangt er zum Thema des Ratgebers, der Sexualität aka „Liebe“. Die Bezugnahme erfolgt, indem erst einmal die Kommunikation zwischen Herausgeber und Autor über Sexualität beschrieben wird. Sie tauschten sich als Fachmänner in ihren Gebieten aus: Elsen als Mediziner hatte sich natürlich eingehend mit dem Thema beschäftigt und der Herausgeber interessierte sich aus juristischer Sicht für die Probleme, die daraus entstehen.

Alternativ hätten es zwei Freunde sein können, die über Sex sprachen, zwei neugierige Schuljungen oder Studenten, oder befreundete Ehemänner, die sich über ihre Probleme in der Ehe austauschen. Die beiden Männer waren lange genug dafür befreundet.In diesen Kontexten wäre das Thema jedoch anders konnotiert. Schuljungen tauschen sich über schmutzige Sachen aus, Eheleute und Freunde sind auch nicht immer angemessene Gesprächspartner. Die Betonung ihrer professionellen Hintergründe legitimiert das Gespräch.
Beide bedauern, wie wenig Literatur es zu dem Thema gäbe. Und an diesem Punkt wechselt der Erzählstil. Fasste der Erzähler bislang das Leben von ihm und seinem Vetter zusammen, wechselt er nun kurz zum szenischen Erzählen:

„Es ist zum Verzweifeln“, sagte er einmal, als wir abends am Ufer eines Gebirgssees saßen und in die Dämmerung hinaussahen, „daß die Menschen das Höchste so mißachten. Jeder denkt nur an sich, an sein Fortkommen im Beruf, an Zerstreuung, und will so viel vom Leben haben, wie nur irgend möglich. Aber das, was ihm das alles wirklich bringen kann, das Zusammenleben mit einer Frau, die er liebt und die ihn liebt, das erkennt er nicht. Die Menschen sind doch wahnsinnig dumm.“ (S.10)

Es wird vom „Höchsten“ gesprochen, das gegen das niedrige Irdische abgegrenzt wird. Die Liebe zwischen Mann und Frau in der Ehe wird  auf die Ebene des Höheren gestellt. Sexualität wird nicht explizit genannt, gleichwohl wird hier wiederum eine Legitimation des Buchthemas durchgeführt.

Und ist euch noch etwas aufgefallen? Zu Beginn redet die Figur H.F. vom Menschen, von „jedem“. Die Lösung findet der Mensch jedoch im „Zusammenleben mit einer Frau, die er liebt“. Ich glaube nicht, dass das „er“ hier wirklich generisch ist, und auch Lesben mit einbezogen sind. Der Mann ist hier der Mensch im Allgemeinen, der Angesprochene. Ob und wo Frauen hier mit Menschen gemeint sind, ist schwer zu sagen.

Durch den Wechsel im Erzähltempo an dieser Stelle steigt die Dramatik, indem die Distanz zum Erzählten schwindet und der Leser sensibler wird für die folgende Information: Das Gespräch sei dem Erzähler deshalb so im Gedächtnis geblieben, weil es ihr letztes Gespräch gewesen sei.
Kurz darauf landete W.B. in Kriegsgefangenschaft, und erhielt von H.F. ein umfangreiches Manuskript mit der Bitte zur Überarbeitung. In diesem Manuskript hatte H.F. seine Gedanken über die Liebe fixiert, um jungen Menschen Aufklärung zu geben.

„ Er halte es für wichtig, um all die falschen Vorstellungen über Liebe, Geschlecht, Sünde usw. zu berichten. „Sieh zu, alter Junge, daß Du in der Zeit drüben nicht ganz vertrottelst, und tu etwas. Vielleicht lässt Dich die Beschäftigung mit unserer gemeinsamen alten Liebe über das Harte besser hinwegkommen. Wir geben das Buch dann gemeinsam heraus, wenn es nicht anders kommt.“ (S. 10)

An dieser Stelle wird dem Leser eine Leerstelle präsentiert, die er selbst mit den Informationen des ersten Satzes schließen kann: er starb, auch wenn es an dieser Stelle nicht mehr explizit formuliert wird.

„Es kam anders. Und so habe ich mich entschlossen, das Buch den Weg in die Öffentlichkeit nehmen zu lassen in der Hoffnung, daß es in dieser kritischen Zeit wenigstens dazu beiträgt, den Frieden zwischen Mann und Frau zu erhalten. D e r  H e r a u s g e b e r“. (S.10)

Was für ein Vorwort für einen Sexratgeber! Der Autor ein gefallener Soldat, das Manuskript durch besondere Zustände zum Herausgeber gekommen- das Erzählte könnte glatt einem Roman entstammen. Doch fassen wir zusammen, welche Funktionen dieses Vorwort erfüllt:

Legitimation:

  • Der Autor und der Herausgeber werden als kompetent stilisiert
  • Sie entstammen legitimen Vermittlungsinstanzen: Medizin und Rechtswissenschaft
  • Sexualität wird im Rahmen der Ehe vermittelt
  • Sexualität ist etwas „Höheres“
  • Der Ratgeber erhält den Frieden zwischen Mann und Frau.

Profilierung:

  • Eine tragische Entstehungsgeschichte
  • Der Ratgeber wird in einen aktuellen Weltpolitischen Zusammenhang eingefügt.

Ein solches Vorwort, das die Entstehung quasi in der Erzählart eines Mythos vermittelt, ist mir bislang noch nicht untergekommen. Umso gespannter bin ich auf die Kapitel über die „Irrwege der Liebe“:

  1. Fetischismus
  2. Sadismus
  3. Masochismus
  4. Homosexualität
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