What would you do?- Das Bystander-Phänomen


„What would you do?“
ist der Name einer US Amerikanischen Fernsehsendung, die mit versteckter Kamera das Verhalten von Umstehenden in diskriminierenden Situationen zeigt. Schauspieler demonstrieren an öffentlichen Plätzen eine alltägliche Situation, in der Menschen aus verschiedenen Gründen (Sexualität, Rasse, Behinderung….) schlecht behandelt werden, und zeigen, wie die Umstehenden darauf reagieren. In diesem Fall diskriminiert eine Schauspielerin als Kellnerin in einem texanischen Restaurant ein lesbisches bzw. schwules Elternpaar. „It’s not just me, is it?“- mit diesen Worten bezieht sie die Umstehenden nahezu mit ein. Das Video zeigt, wie die Umstehenden reagieren:

Bystander Phänomen ist das Schlagwort, welches das Verhalten der Umstehenden beschreibt

Vor Jahren laß ich einmal ein sehr interessantes Buch über soziales Straßentheater in Südamerika, und empfand es mitten in einer sehr unproduktiven linken Szene als erfrischend intelligent und sinnvoll. Das Prinzip von WWYD ist genau das selbe, wenn auch von der Aufmachung her typisch amerikanisch- das Resultat mag ich immer noch. Gerade weil es auch als Fernsehsendung realisiert wurde.

In beiden Konzepten tritt das „Bystander-Phänomen“ (Darley & Latane, 1968) zutage: Je mehr Personen anwesend sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft. Die Verantwortung wird den anderen Gruppenmitgliedern zugeschrieben. Das nennt sich Verantwortungsdiffusion.

Hinzu kommt, dass das eigenes Verhalten abhängig ist von dem Verhalten der anderen. Verhalten sich diese unauffällig, so liegt kein Notfall vor (Pluralistische Ignoranz). Hier zählt auch rein, wenn man aus Angst vor einer vorschnellen oder falschen Reaktion heraus nicht handelt, eine mögliche Blamage vor den anderen verhindern möchte. Diskriminierung und Misshandlung, ja selbst Mord und Vergewaltigung kann so in aller Öffentlichkeit passieren.

Das Positive ist jedoch, dass es auch umgekehrt funktioniert: Interveniert eine Person, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch andere Umstehenden sich beteiligen. Jemand dient als prosoziales Modell. Alleine schon das signalisieren einer Notsituation erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass zumindestens jemand anderes interveniert.

Und darum finde ich die Ausstrahlung solcher Sendungen sinnvoll. Es wird gezeigt, wie Einzelpersonen, die nichts mit der Situation zu tun haben, sich einsetzen. Vielleicht können auch so indirekt erlebte Personen in anderen Situationen als Vorbild dienen. Denn die Entscheidung für Hilfestellungen ist immer eine Kosten/Nutzensache. Anerkennung ist ein großer Nutzen, und die wird den Leuten im Video gezollt. Es werden Emotionen gezeigt, der geholfenen lesbischen „Mutter“ geht die Hilfe offensichtlich nahe, trotzdem die Situation geschauspielert war. Man kann also mitfühlen. Die Beteiligten, die kommentierende Stimme, ja die ganze Inszenierung deutet die Szenerie als böse, Interventionsfordernd, und das intervenierende Verhalten als positiv. Es wird belohnt. Nicht nur auf Einzelpersonen bezogen: Ein Bundesstaat, dem sonst nur konservatives Verhalten nachgesagt wird, wird als besonders hilfreich dargestellt.

Das könnte ein guter Weg sein, etwas gegen den Bystander- Effekt zu tun: Vorbilder geben. Und darüber aufklären, denn:

„Das Problem besteht darin, jemanden dazu zu bringen, den ersten Schritt zu tun. Solange niemand etwas unternimmt, sind die negativen Kräfte des unbeteiligten Zuschauers aktiv. Der Zuschauer-Effekt tritt auf, wenn wir in eine Situation geraten, in der zu viele Menschen herumstehen. Wir bleiben einfach stehen. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran. Tun Sie den ersten Schritt- jemand muss es ja tun.“ (Cash, Adam: Psychologie).

Und zwar auch, wenn man selbst nichts mit der betroffenen Person gemein zu haben scheint, selbst nicht gehandikapt, schwarz, schwul, lesbisch, trans, hetero, weiblich, männlich, jugendlich, alt, über- oder untergewichtig- oder „betroffene“ Personen im nahem Umfeld hat. Auch, wenn man einfach nur ein Bystander ist, ein (noch) unbeteiligter Umstehender.

Vielleicht tun es nach diesem Video einige Menschen mehr.

PS: Ich fand es unvorstellbar, dass für Homosexuelle in 29 (!) Bundesstaaten der USA noch Gesetze wie zu Zeiten der Segregation für Schwarze herrschen…..

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