Rezension: Die Lust am Fesseln

(Bild Quelle)

Ich empfahl bereits die ZDF Dokumentation „Die Lust am Fesseln“ mit dem Versprechen, dass eine Rezension folgen wird. Hier ist sie nun.

Ich bin kein großer Fan von Cornelia Jönssons Büchern. Klar gibt es weitaus schlechtere Autoren auf dem (BDSM) Buchmarkt, aber vorallem mit ihrer Lobdudelei auf ihre Lebensweise kann ich einfach nichts anfangen.

Im Interview in der Dokumenation „Die Lust am Fesseln“ war ich jedoch von ihr begeistert. In nur 5 Minuten gelingt es ihr und den Machern des Filmchens einen guten Einblick in das zu geben, was hinter Schlagworten wie „Sadomasochismus“ und „Schmerz“ steht. Einen gefühlvollen Einblick, offen für das Konzept, und weitaus besser als in den meisten Dokus und Artikeln, die ich in letzter Zeit gesehen und gelesen habe.

Nicht nur, dass einmal alles andere als Klischees gezeigt wird: Jönsson trägt ein rotes, luftiges Kleidchen, kein Lack, Leder oder Latex, man sieht kein dunkles Studio, sondern ihr persönliches Schlafzimmer und die helle Schwelle 7. Kein Schlagen, sondern fast schon meditative Hängebondage. Nein, vor allem könnte mir vorstellen, dass es Jönsson gelingt, die Leute dort abzuholen, wo ihr Wissenstand ist. Sie knüpft an Lebensrealitäten an, die wohl fast von jedem geteilt werden: Küsse, Streicheln, Zärtlichkeit. Und Liebe.
Ich finds schön, wie sie am Anfang feststellt:
„Ich find Schmerzen aufregend, aber ich kanns schwer erklären warum, so wie ich auch nicht weiß, warum ich Küsse aufregend finde“.

Der Vergleich stellt beides auf eine Ebene, Schmerzen und Küsse. Sie scheint beides zu mögen- also völlig anders scheint sie ja nicht zu sein. Und es lässt mich als Zuschauer überlegen, wie ich das eigentlich erklären würde. Und feststellen, dass es wirklich nicht so einfach ist. Und doch gelingt es Jönsson. Nicht unbedingt in den nächsten Sätzen, aber im Verlauf dieser Doku.

Sie arbeitet weiter mit Vergleichen, die hoffentlich die Lebenswirklichkeit der Rezipienten erreichen:
„Schmerzen zufügen ist eine intensive Form von Zärtlichkeit, oder von Streicheln. Also Schlagen ist eben wie Streicheln, nur zehnmal mehr. Fesseln ist wie Umarmen, nur viel viel enger Umarmen. Und Dominieren ist wie ganz viel Aufmerksamkeit jemandem geben.“

Was mir nicht so gut gefällt, ist diese Steigerung „zehn mal mehr“, „viel viel enger“. In unserer Gesellschaft, in der mehr gleich besser ist, könnte das falsch rüber kommen. Wie die gewisse Überheblichkeit Vanillas gegenüber, die mich in ihren Büchern bereits störte. Dennoch schlägt BDSM als „intensive Form von Zärtlichkeit“ eine gelungene Brücke zwischen zwei sonst gerne getrennten Bereichen.
Vor allem, weil sie auf die Hintergründe später noch eingeht:

„Dadurch, dass man nicht weiß, was passiert, keine Möglichkeit hat Einfluss zu nehmen, ist man wie ich finde viel empfänglicher, also, so hochsensibel, alles was passiert, dringt unglaublich intensiv in einen ein.“

Auch bietet sie eine Erklärung dafür, warum Schmerzen in diesem Kontext etwas anderes sind als Schmerzen, die der Rezipient sonst vielleicht im Alltag erfahren hat. Überhaupt grenzt sie einiges von Alltagserfahrungen ab, auch Machtgefälle.

Vor allem aber werden BDSMler als liebende Handelnde gezeigt, nicht alleine durch Sex gesteuert. Sie beschreibt es als Liebesbeweis dem Partner gegenüber, und der zweite Interviewte und die Stimme aus dem Off untermauern dies.

Der interviewte Rigger bezeichnet das Seil schön als Nabelschnur zwischen dem Gefesselten und den Fessler, das Gefühle auch von dem Fesselnden auf den Gefesselten überträgt. Und dieser ist ganz Mensch, mit ganz menschlichen Empfindungen und Sorgen. Die Offstimme greift das Bild der Nabelschnur auf und kommentiert: „Sich hingeben, vertrauen. Im wahrsten Sinne des Wortes Bindungen eingehen.“ Vergleicht man dies einmal mit den Worten aus der Bonesfolge, die ich kritisierte:
„Fetishism is a way of indulging in sexual activity without actually engaging emotionally with the other person as a fully formed human being.“

Hier haben Fetisch/Sadomasochismus (was bei Bones ja sowieso durcheinandergeworfen wird) und Emotionen nebeneinander und miteinander Platz. Cornelia Jönsson „liebt anders“, aber sie liebt. Sie liebt nicht trotz dieser Spielarten, sondern die Spielarten sind Teil ihrer Liebe.

Und das wird meiner Meinung nach in dieser Doku gut rübergebracht. Hier geht es nicht darum, etwas zu definieren, wissenschaftlich zu erklären, sondern Einblicke zu geben, was die Menschen bewegt. Genau das wird gegen Ende thematisiert. Jönsson spricht über ihre Arbeit als Autorin, könnte aber genauso gut über jede andere Situation schreiben, in der jemand versucht, sich in andere hineinzuversetzen. Wie hier der Rezipient vielleicht in Jönsson selbst:


Jönsson: „Ich finde man kann durchaus über Dinge schreiben, die man nicht so erlebt hat. Sonst könnte auch kein Mensch über Mord schreiben, oder Vergewaltigung, oder kaum jemand. Aber man muss natürlich ein Gespür für den Reiz finden, für die Intensität, oder für die Sehnsucht haben, die in einer bestimmten Sache drin liegt, über die man schreibt.“
Off-Stimme: Und dafür muss sie auch nicht alles selbst erleben.
Jönsson: „Wenn ich zum Beispiel den Leuten zuschau, was sie tun, und irgendwie ihre Körperspannung sehe, höre, was sie sagen, dann glaub ich, dass ich ein wenig nachempfinden kann, worum es in ihnen geht.“

Hoffen wir, dass dies den Zuschauern gelungen ist. Die Grundlage dafür ist bereits gelegt, und auch mir als Person, die sich mit der behandelten Spielart identifiziert hat diese Dokumentation etwas gebracht: Worte, um zu beschreiben, warum ich etwas aufregend finde. Denn wie Jönsson feststellte und wie tausend schlechte Artikel zeigen: das kann mitunter sehr schwer sein.

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