Sadismus ist heilbar!

Machmichglücklich
„Mach mich glücklich“-Teil 2:
Heilung des Sadomasochismus

(Vorwort, Teil 1)

Schon zu Beginn des Kapitels führt der Autor auf, dass es sich bei SM um Perversionen handelt, eine „krankhafte Einstellung des geschlechtlichen Verlangens, des reinen (nicht vergeistigten) Trieb, eine[r] Abart.“ Seiner Meinung nach sollten derartige Abarten als „Geschlechtskrankheiten“ meldungspflichtig sein.
Aber: eine psychotherapeutische Behandlung kann helfen! Ja, „Die Heilung solcher Cochonerien [Übersetzung: Schweinerein] beansprucht viel Zeit, oft erfordert sie Jahre, aber der Arzt muss, eingedenk der menschlichen Würde, alles daransetzen, so üble und widerwärtige Praktiken auszurotten. Erst nach der Befreiung von ihnen kann sich ja der Patient wieder Rechtens Mensch nennen?

Ich find es sehr spannend so etwas zu lesen. Aus heutigen Schriften ist man es vielleicht noch gewohnt, dass BDSMler als Sonderlinge angesehen werden, eine abschätzige Schreibweise wie im 1.Teil würde ich ebenfalls noch erwarten. Aber dass einem Perversen das Menschsein aberkannt wird, das empfinde ich als Tiefschlag.
Es liest sich fürwahr lustig, aber ich frage mich, wie viele Leute dieses Buch gelesen haben, derartiges in sich schlummern sahen, und sich selbst aufgrund dieser Worte ablehnten? Schließlich handelt es sich bei dem Autoren um einen Arzt- noch dazu mit Therapeutischen Erfahrung, der ja wissen muss wovon er spricht (es war damals ausnahmslos üblich, Aufklärungsbücher und Eheratgeber unter dem Namen eines Dr. (med) zu veröffentlichen, da dieses vertrauensvolle Instanzen waren). Bitter lach ich auch bei der Feststellung: „Das Schwierige dabei ist ja, daß die Kranken von solchen Leiden gar nicht geheilt werden wollen.“ Mich wundert es heute wenig.

Interessant finde ich auch das Bild des ehelichen Geschlechtverkehrs, das aufgeworfen wird: „Die ehelichen Ekstasen, wenn Leib, Seele und Geist eins werden, sind ihnen fremd.“ Ehe ist schließlich ein Garant für guten Sex, vorehelicher Verkehr bringt nur Enttäuschungen mit sich. Dieses entspricht voll den Tendenzen der damaligen Zeit.

Hier wird übrigens gleichzeitig ein recht einseitiges Bild von BDSM entworfen, dass dem in der rezensierten Bonesfolge (3.03) sehr ählich sieht: BDSM ist rein körperlich, rein sexuell, die emotionale Ebene wird nicht berührt. Man muss nicht das nahezu spirituelle Bild der kompletten Verschmelzung von Leib, Geist und Seele teilen, um das Gefühl zu haben, dass BDSM etwas abgesprochen wird, was eindeutig da ist: die emotionale Verbindung zwischen Menschen. Ein geistiges Aufeinander-einlassen. Liebe. Wenn das immer so strikt getrennt wird, so wundert es mich nicht, dass ein schlechtes Bild von BDSM entsteht, und man das Gefühl hat, etwas therapieren zu müssen.
Nein, ich meine nicht, dass es immer Hand in Hand gehen muss, so wie Sex und Liebe auch getrennt werden kann. Mir geht es um die konstante Ausblendung dieses Aspektes in der stetigen Gegenüberstellung mit einer „gesunden“ Beziehung. BDSM und Liebe lässt sich meiner Meinung nach genauso gut Gleichsetzen, Kategorisieren und Trennen wie es bei Sex und Liebe möglich ist.

Nicht vorenthalten möchte ich euch auch den Heilungsprozess eines exemplarischen Patienten, der eigentlich gar nicht von der „bitter-süßen Züchtigung“ lassen möchte um in seiner Frau „nur Hausfrau und Sekretärin oder Kellnerin“ sehen statt einer Möglichkeit „einer völligen Preisgabe meines Willens unter dem Diktat der erregenden Schönheit“ . Problematisch ist vor allem, dass er Atheist ist, und somit alle biblischen Argumente wegfallen.

Der Autor, sein Therapeut, erklärt ihm, dass er nichts weiter sei als die verdummte Masse unter einem Tyrannen. Wie gewohnt bedeutet Kritik des Patienten natürlich immer, dass man einen kritischen Punkt getroffen hat. (Ich empfehle als besten Beweis die „Bruchstücke einer Hysterieanalyse“ von Freud?)

Die Einsicht erfolgt in einer Rückkehr zum Glauben- und einer vollkommenen Abkehr vom Weibe. Händeringend setzt der Autor ihm die Werke von Frauen vor, „beschwor Marias Bild“- nur um in ihm zu hohe Ansprüche an eine Frau zu wecken. Aber letztlich war es doch noch möglich, ihm eine Gefährtin zu finden! Gott seis gedrillicht- der Patient ist geheilt.

Der Autor beendet dieses Kapitel, indem er das Sadomasochismusproblem zu einem Problem jedes Menschen macht. Nicht, dass dieses SM normal macht.. nein, „In unserem Wesen mögen göttliche, aber auch satanische Züge ruhen- es komt nur darauf an, welche durch die Erziehung und das Beispiel der Umwelt erweckt werden.“ Sicher vor den Einflüssen ist man erst ab Ende 50. Es ist übrigens kein reines Triebproblem, nein, es wird vom „Intellekt (nicht der Geist!)“ ausgebrütet.

Fazit: Bei Dr. med Holm kommt der Sadomasochismus nicht sonderlich gut weg. Grund dafür ist die klare Einordnung in zu kurierende Krankheiten, die Aberkennung des Menschseins der SMler, eine stark negativ konnotierte Wortwahl, eine Auflistung von krankhaften Ursachen sowie die Mischung mit realsadistischen Misshandlungen und Eheunstimmigkeiten. Dem gegenübergestellt wird ein spiritualistisches Bild der ehelichen Geschlechtsvereinigung.

Aufgrund der heute fremdartig anmutenden Wortwahl und den zum Teil abstrusen Argumentationswegen erhält dieser Text jedoch meine absolute Leseempfehlung!

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